Seit ich mich im Alter von bereits 31 Jahren entschlossen habe, Pfadfinder zu werden, bin ich oft von Außenstehenden ausgelacht oder verständnislos belächelt worden.
"Das sind doch Spielchen für kleine Kinder, aber doch nicht mehr für Erwachsene!" oder "Gehschde widda in da Wald un decksch dich mit Fichderaisa zu!" Derartige Aussprüche habe ich in der Vergangenheit schon oft zu hören bekommen. Selbst die vergangene Landesleitung unseres Landesverbandes reagierte bei diversen Diskussionen mit Aussprüchen wie "die Alten sollen sich in ihre Altpfadfindersippe zurückziehen und die Jungen machen lassen. Ich verstehe nicht, wie ihr so viele "Alte" in eurem Stammesrat haben könnt! Die haben in einer Jugendbewegung nichts zu suchen!"
Gehören Pfadfinder über 30 Jahre wirklich zum Alteisen? Sind diese älteren Pfadfinder nicht auch ein wichtiger Bestandteil eines Stammes? Der Umstand, dass sich so viele "Alte" noch aktiv engagieren zeugt einerseits von deren tiefen Verbundenheit zur Jugend und von der geistigen Beweglichkeit. Andererseits besteht jedoch immer die Gefahr, dass das "reifere Semester" in Entscheidungen des Stammesrates eine eher konservative Note einbringt und starr reagiert.
Während andere Stämme (siehe die Tscherkessen aus Saarbrücken) vielleicht ein Problem mit den "Alten" haben durch manch starre verknöcherte Denkstrukturen, zieht unser Stamm sehr viele Vorteile aus der Zusammenarbeit mit dem "älteren Semester". In vielen fruchtbaren Diskussionen zwischen Alt und Jung können die Älteren neben ihren Vorstellungen auch ihre Weitsicht und Lebenserfahrung einbringen und mit den Ideen der Jüngeren abstimmen. Das heißt jedoch nicht, dass immer "Friede, Freude, Eierkuchen" herrscht und es keine Meinungsverschiedenheiten gibt. Als Pfadfinder müssen wir jedoch immer sachlich, fair und offen miteinander diskutieren können. Das hat in der Vergangenheit bis auf wenige peinliche Auseinandersetzungen bestens geklappt. Somit sitzen bei unseren Stammesräten Alt und Jung einhellig nebeneinander und verstehen sich prächtig.
Aber ich sehe noch einen weiteren, immer wichtiger werdenden Grund für die aktive Präsenz der "Alten" im Stamm. Da immer mehr Ranger und Rover nach dem Schulabschluß eine weiterführende Fach- oder Hochschule besuchen, die oftmals in weiter Entfernung von der Heimat und damit vom Pfadfinderstamm liegt, klafft in der Altersstufe 19 - 28 Jahre eine große Lücke. Diese Ranger und Rover, die nun eigentlich die Geschicke des Stammes leiten sollten, wohnen weit weg über das gesamte Bundesgebiet verstreut und kehren oft auch nie wieder zurück. Sie sind für den Stamm als aktive Funktions- und Verantwortungsträger verloren. Diejenigen aber, die nach der Hochschule zurückkehren, sind um die dreißig Jahre alt, haben vielleicht schon eine Familie gegründet und stehen mit beiden Beinen im Berufsleben. Sie wollen sich wieder engagieren, da sie sehen, dass die meisten 19- bis 28-Jährigen weg und die "Jungen", die noch unter 18 Jahre alt sind, zwar mit Enthusiasmus und vielen Ideen aufwarten, aber durch ihr geringes Alter in manchen Funktionen, die entweder Volljährigkeit oder gewisse Erfahrungen voraussetzen, noch nicht einsetzbar sind. Diese Funktionen müssen dann Wohl oder Übel von den "Alten" ausgefüllt und nach bestem Wissen und Gewissen geführt werden, bis ein junger Hoffnungsträger einsetzbar ist.
Wir "Alten" hoffen, dass in unserem Stamm in Zukunft, und wir sind auf dem besten Wege, wieder viele junge Hoffnungsträger einsetzbar sind.
Wie sagt Theo immer: "Dann setzen wir uns auf die Bank vor unserem Stammesheim und lassen die Jungen machen!"
aus "Rundschlag" Nr. 33, August 2002 - Artikel ist ungekürzt; nur das Layout ist leicht geändert worden; Unterüberschrift hinzugefügt.