Samstag, 21. April 2001 - Teil I
Ein Blumentopf erzählt
Es ist Samstag früh, kurz vor fünf Uhr, als die drei Ritter von Akkon ChrikiTM, Dome und Tarzan im Zug sitzend aus dem Saarbrücker Hauptbahnhof auslaufen. Zwar wissen Sie, daß die Fahrt noch lang wird, aber daß lang ein sooo dehnbarer Begriff ist - das wird die drei trotzdem wieder unangenehm überraschen.
Wie dem auch sei, daran denken sie ja im Moment noch gar nicht. Im Augenblick sind die Gedanken wohl eher bei der bevorstehenden Fahrtenwoche, bei der (hoffentlich) schönen Landschaft des Riesengebirgevorlandes und natürlich den schönen Abenden, die man zusammen am Feuer verbringen wird.
Der erste Teil der Zugfahrt geht dann auch ganz flott vorbei: Tarzan lernt das Skatspiel und die beiden anderen haben ihren Spaß dabei, ihm dabei zuzusehen, wie er von den zig Skatbegriffen fast erschlagen wird. Schließlich kommen die ersten Spiele ohne größere technische Probleme seitens Tarzan zustande und auch der erste Umsteigebahnhof ist da.
Prima. An dieser Stelle machen wir dann mal lieber einen Schnitt. Denn was jetzt kommt interessiert eh' keinen. Falls doch, dann setz Dich vor einen leeren Blumentopf und laß Dir von dem Ding 15 Stunden lang was erzählen. Danach solltest Du eine grobe Vorstellung davon haben, wie spannend ungefähr die Zugfahrt war, die wir gerade übersprungen haben...
Samstag, 21. April 2001 - Teil II
MKS-Alarm
Plopp! Es ist jetzt kurz nach 20 Uhr und wir (ja, ich bin einer von den dreien!) sind in Görlitz, einem deutschen Städtchen nahe der polnischen Grenze. Eigentlich hatten wir vor, hier eine Karte von unserem künftigen Fahrtengebiet zu kaufen, da wir zu Hause keine bekommen hatten. Nur: Alle Läden haben zu. Prima. Kurzerhand entschließen wir uns dazu, mit unserem Wochenendticket noch ein Stück an der Grenze entlang zu fahren Richtung Dreiländereck Polen - Tschechei - Deutschland. Irgendwann um 22 Uhr 'rum erreichen wir schließlich Zittau. Mangels Karte packen wir einen Kompaß aus und gehen einfach in östliche Richtung, wo es nach Polen bzw. in die Tschechei geht. Auf unserem Weg durchqueren wir die Innenstadt von Zittau, wo wir uns bei einem Pizzaheimservice unser Abendessen bestellen. Während die Teigfladen gebacken werden schauen wir uns nach einem Platz um, wo wir essen können. Schließlich bleibt uns nur eine Bushaltestelle, aber die ist ja abgesehen von den vielen Autos inklusive gaffender Insassen nicht weiter ungeeignet.
Gegen halb zwölf gehen wir mit vollem Bauch weiter. Mittlerweile ist es schweinekalt geworden und es nieselt. Irgendwann nachts erreichen wir dann auch den polnischen Grenzübergang. Bei den deutschen "Kollegen" gibt's weiter keine Probleme, nur der polnische Beamte scheint jeden einzelnen von uns (mangels Beschäftigung?) in seiner Verbrecherkartei zu suchen. Wahrscheinlich aus Enttäuschung darüber, daß er heute wieder heimgehen muß und seinen Kindern nicht vom "Großen Fang" berichten kann, zwingt er uns dazu ein Vollbad in Desinfektionsmittel zu nehmen - für den Fall daß wir irgendwelche MKS-Erreger in uns tragen...
Damit wären wir in Polen. Nachdem wir etwa eine halbe Stunde bis eine Stunde entlang von Tankstellen und Zigarettenverkäuferbaracken spaziert sind, erreichen wir die Grenze zur Tschechei. Hier bleibt's bei einer gewöhnlichen Paßkontrolle. Wir wechseln ein paar Mark in die Landeswährung Kronen und laufen auf einer Schnellstraße mit Bürgersteig weiter.
Samstag, 21. April 2001 - Teil III
Ödland!
Eigentlich würden wir jetzt schon mal gerne schlafen gehen. Schließlich ist es bereits zwei Uhr durch und einige von uns sind bereits seit 24 Stunden auf den Beinen (außerdem gab es in der vorhergehenden Nacht auch nicht viel mehr als zwei bis drei Stunden Schlaf, weil wir ja unsere Rucksäcke packen mußten...). Das Problem ist nur, daß es rechts und links der Straße absolut nichts gibt; weder einen Baum noch einen Strauch, noch einen Erdhügel oder gar einen Ort. Niet. Nur lehmige Äcker mit darüber fegendem Wind.
Etwa um drei Uhr entdecken wir in einiger Entfernung von der Straße (die mittlerweile auf einer Art Deich verläuft) einen kleinen schmalen Streifen Gestrüpp. Wir klettern die Böschung hinab und stolpern über den teils gefrorenen Lehmacker auf das Gestrüpp zu.
Das wird unser Schlafplatz sein. Ei prima. Unter normalen Umständen würden wir hier nicht mal einen Stein hinwerfen, weil der uns doch ein bißchen leid täte. Doch in Anbetracht der fortgeschrittenen Nacht, der Kälte und des Windes sowie der allgegenwärtigen Müdigkeit bauen wir eine Kröte auf, in die wir uns zu dritt samt Gepäck reinquetschen.
Wir wissen im Moment so gut wie gar nicht wo wir uns befinden. Denn zum einen haben wir keine Karte, die diese Gegend in einem adäquaten Maßstab abbildet und obendrein ist es stockdunkel. Kein Wunder also, daß wir in dieser regnerischen Nacht nicht allzu gut schlafen. Die "Kreaturen", die wir vor dem zu Bett gehen noch übers Feld laufen sehen will ich an dieser Stelle einmal ganz außen vor lassen ;-).
Sonntag, 22. April 2001 - Teil I
Ödland?
Als unsere drei Helden am nächsten Morgen erwachen wissen Sie natürlich noch nichts davon, aber weil Du es ja sowieso gleich erfährst, kann ich es ruhig sagen: Der kommende Tag wird nicht so lang sein, wie der vergangene. Ohne aus dem Zelt gesehen zu haben wissen wir, daß eine Bahnlinie in der Nähe sein muß, denn die hat uns heute morgen schon mehrfach einen Schrecken eingejagt. Um kurz vor zehn Uhr wird das erste Mal die Kröte geöffnet (hä, wie denn das - wir hatten den Eingang mit einer Kohtenplane zugehängt). An den Witterungsverhältnissen hat sich nicht viel geändert; nur zu regnen hat es aufgehört.
Die Gegend um uns herum hat sich dagegen gewaltig verändert: Keine 100 Meter von uns befindet sich ein Fabrikgelände. Unser schmaler Buschstreifen beherbergt auch ein paar größere Bäume und das tollste ist, daß keine 15 Meter neben uns ein Gleisstrang vorbeiläuft.
Wir schälen uns aus den Penntüten, kümmern uns um unsere Morgentoilette, bauen die Kröte ab, gähnen noch einmal kräftig und machen uns schließlich wieder auf den Weg. Zurück auf die Schnellstraße und weiter in Richtung Osten. Nach einiger Zeit erreichen wir einen Ort, in dem (wie sollte es anders sein) gerade alle Geschäfte zugemacht haben (Sonntag!?). Egal, mit einer Karte haben wir eh' erst für Montag gerechnet. Wir laufen also weiter, passieren einen Ort namens Grabstejn (was übersetzt nicht etwa "Grabstein" sondern "Grafenstein" heißt) und schlagen uns gemäß Kompaß in die Wallachei, da wir auf der einen Seite nicht permanent entlang von Autostraßen gehen wollen und auf der anderen Seite ja auch noch ein spezielles Fahrtengebiet im Kopf haben, wo wir jetzt noch nicht sind. Irgendwo mitten im Wald machen wir dann eine Pause, wo wir uns Milchpulvermüsli gönnen.
Sonntag, 22. April 2001 - Teil II
Gefangen im Flußdelta
Es geht weiter - immer dem Kompaß nach. Quer durch eine kleine Schlucht und entlang von einem Weiher, bis wir schließlich mitten drin stehen... Zunächst sah es nur so aus wie ein paar Rinnsale, die es zu überqueren gilt, aber die kleinen Dinger wurden mehr und mehr und schließlich ist es uns irgendwie gelungen von ihnen umringt zu sein. Zu allem Überfluß hören wir jetzt auch noch Hundegebell, das sich uns nähert. Glücklicherweise hat der Köter Schiß sich zu uns in das "Flußdelta" zu begeben. Abwarten ist jetzt auch nicht so toll, denn der Boden unter unseren Füßen ist etwas feucht und alles andere als fest.
Die Rettung ist ein Mann, der am Fenster des einzigen Hauses in der näheren Umgebung stehend, wild gestikulierend und tschechisch rufend seinen Hund zurückpfeift und uns per Handzeichen klarmacht, daß wir umkehren müssen; der einzige Weg führe über sein Grundstück. Na ja, gut, ob er das wirklich so meint, wissen wir natürlich nicht, aber er macht einen freundlichen Eindruck und damit ist für uns klar, daß wir so vorgehen werden; der Hund wird das schon irgendwie akzeptieren.
Nach diesem kleinen Abenteuer setzen wir unseren Weg querfeldein fort. Es geht Berge und Hügel hoch und auch wieder runter, bis wir gegen halb sechs Uhr abends auf einer Anhöhe einen schönen Wald entdecken, wo wir unser Nachtlager errichten wollen. Für diese zweite Nacht baut sich jeder eine eigene Kröte.
Der Wald ist ziemlich feucht, und über dem Waldboden hat sich Nebel gebildet, der der Kulisse einen unheimlichen Eindruck verleiht. Auf dem Trangia-Kocher wird schnell ein Nudelgericht gezaubert und währenddessen daneben ein Wärmefeuer entzündet. Nach dem Essen sitzen wir noch eine Weile am Feuer, doch als es gegen neun Uhr dunkel ist, kriechen wir - noch müde vom Vortag - in unsere Schlafgemächer.
Montag, 23. April 2001 - Teil I
Mapy-Suche
Der heutige Tag beginnt für uns um etwa halb acht bis acht Uhr. Zuerst spülen wir unser Geschirr mit dem Regenwasser, das sich über Nacht in den aufgestellten Töpfen gesammelt hat. Anschließend werden die Kröten abgebaut und unser Weg geht weiter. Zunächst geht es noch eine ganze Weile bergauf. Vom "Bergkamm" aus sehen wir eine Kirche samt Ort in einem Tal. Wir beschließen dorthin zu gehen, um uns endlich eine Karte zu kaufen.
Nach dem Abstieg ist der Ort nur noch ein Kaff, was so viel heißt wie "no map at this time". Egal. Voller Hoffnung wandern wir eine halbe Ewigkeit an der Hauptstraße entlang. Bis wir schließlich die mittelgroße Stadt Chrastava erreichen, wo wir am Ortseingang auch gleich einen Supermarkt finden. Hier decken wir uns erst mal mit Wasser und Lebensmitteln ein, bevor wir die Stadtmitte aufsuchen, um dort nach einem Geschäft zu suchen, das Wanderkarten aus der Gegend anbietet.
Glücklicherweise ist Chrastava eine Touristenstadt, so daß wir ein Informationszentrum finden, wo uns ein deutschsprachiger, freundlicher Herr ein Geschäft nennt, in dem wir eine Karte kaufen können.
Wir folgen der Wegbeschreibung, betreten den Laden und fragen nach einer Karte: Zuerst bekommen wir eine Postkartensammlung zugeschoben aber nach Kopfschütteln und ein bißchen Gestik steht die Kiste mit der Aufschrift "Mapy" vor uns; ein kurzer Blick - perfekt! Genau die richtige - für knapp drei Mark.
Montag, 23. April 2001 - Teil II
Geleitschutz nach Mnišek
Weil der Ort in dem wir zur Zeit sind noch nicht auf unserer Karte verzeichnet ist, beschließen wir Straßenschildern nach Mnišek zu folgen, um auf die Karte zu gelangen.
Wahrscheinlich sind es unsere verzweifelten Blicke, die zwei umherstreunende Polizisten auf den Plan gerufen haben, uns Geleitschutz zu geben noch bevor wir Chrastava verlassen können: Die beiden stehen vor uns und labern wie wild, und wir verstehen gar nichts. Wir zeigen einfach auf unserer Karte auf den Zielort und die beiden Polizisten labern wieder drauf los. Irgendwie wissen wir, daß wir den beiden folgen sollen und so laufen wir mit den Kerlen durch die Touristenstadt bis zu einer Kreuzung, wo der eine plötzlich auf englisch sagt: "Seven Kilometres", und dabei in eine Richtung zeigt. Wir bedanken uns und gehen in die gezeigte Straße.
Etwa am Ortsausgang machen wir Mittagspause. Danach geht es den Rest des Tages nur noch entlang von Landstraßen und durch kleinere Orte. Wir passieren unseren Zielort und folgen dann anhand der Karte einer Straße, um nun endgültig in unser eigentliches Fahrtengebiet vorzustoßen.
Gegen Abend sind wir wieder mal in einem Ort, der aber immerhin schon von etwas höheren Bergen umgeben ist - ein Zeichen dafür, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Wir haben zwar keine Lust mehr und sind müde, aber mangels Schlafgelegenheit in diesem Örtchen ziehen wir weiter bis wir hinter dem Ortsausgang einen steilen Waldweg erreichen, dem wir folgen.
Den Rest dieses anstrengenden Tages habe ich separat in dem Artikel "Am Wildbach" beschrieben, der ebenfalls in dieser Rundschlag-Ausgabe zu finden ist.
Dienstag, 24. April 2001 - Teil I
FKK am Bergsee
Ach wie schön ist es doch immer wieder, wenn man von Sonnenstrahlen wachgekitzelt wird! So denn auch heute. Endlich hat das trübe Wetter der vergangenen Tage ein Ende - blauer Himmel und wärmende Sonne. Es ist etwa neun Uhr als wir aus der Lok kriechen. Wir steigen noch einmal hinab zum Wildbach um uns ausgiebig in dem eiskalten Wasser zu waschen. Das kostet vielleicht Überwindung!
Im Anschluß frühstücken wir gemütlich und trocknen unsere Sachen im Sonnenschein. Dann bauen wir auch schon wieder die Lok ab und verlassen gegen zwölf Uhr den Lagergrund.
Die nächsten Stunden soll es für uns nur bergauf gehen, was aber nicht weiter schlimm ist; zwar scheint die Sonne, doch weht ein kühler Wind, der uns gar nicht erst zu stark ins Schwitzen kommen läßt.
Und da! Endlich sind wir dort, wo wir hin wollten: Felsen! Neben dem Weg liegt im Schatten der Bäume noch Schnee, der - je höher wir kommen - immer mehr wird.
Irgendwann erreichen wir den höchsten Punkt des Weges, von wo aus es jetzt leicht bergab geht. Wir haben eine herrliche Aussicht und können weit und breit um uns herum keine Menschenseele ausmachen.
Am Nachmittag erreichen wir einen Stausee von etwa 300 Metern Durchmesser um den herum auch noch Schnee liegt. Kurz entschlossen packen wir unsere qualmenden Füße aus und waten einige Zeit durch das eiskalte Wasser.
Auf einigen Felsen, die das Ufer säumen, entdecken wir die Aufschrift FKK. Ob das in Tschechien das gleiche bedeutet wie bei uns, konnten wir nicht in Erfahrung bringen.
Dienstag, 24. April 2001 - Teil II
Schnitzelsteaks
Nach dem Geplansche machen wir uns wieder auf den Weg. Wir haben uns vorgenommen heute Abend eine Pension anzulaufen, weil sich ein Individuum in unserem Dreigespann nicht wohl in seinem Schweiße fühlt und daher nach einer Dusche verlangt.
Um etwa fünf oder halb sechs Uhr nachmittags kommen wir wieder in bewohnte Gefilde. Die ersten Pensionen, die wir abklappern, haben entweder geschlossen oder sind ausgebucht. Bei einer Herberge werden wir gar von einem übelst stinkenden Kampfhund namens (J/R)onny angebellt, der aber - Gott sei Dank - einen Maulkorb an hat. Wir sind gezwungen einen weiteren Berg zu erklimmen, um dort im nächsten Ort unser Glück zu versuchen.
Um etwa 19 Uhr finden wir am Rande des folgenden Ortes auf dem Berggipfel ein Hotel ***, wo wir für Übernachtung mit Frühstück, Sauna und Pool 25 DM berappen müssen. Für tschechische Verhältnisse ist das recht viel, so daß wir in dem Laden auch fast nur deutsche Gäste antreffen.
Natürlich ist unsere erste Amtshandlung eine gründliche Dusche. Danach gehen wir im Speisesaal essen und ein kühles Blondes trinken. Dome und ich bestellen ein leckeres Pfeffersteak, das sich leider als "Schnitzel Natur" entpuppt, dem etwas Pfefferrahmsoße zugegeben ist. Naja...
Nach der Mahlzeit spielen wir noch ein wenig Skat, machen schnell einmal Gebrauch von dem Pool und sinken dann in unsere Betten.
Mittwoch, 25. April 2001 - Teil I
Forellenfischer
Die erste Nacht, in der uns nicht kalt, sondern zu warm ist, ist vorbei. Wir frühstücken und setzen um etwa zehn Uhr unsere Reise fort.
Es geht anfangs leicht bergauf und wir kommen wieder an den Stausee vom Vortag. Diesmal nur von der gegenüberliegenden Seite, wo die Staumauer ist. Wir verweilen hier eine Zeit lang, um in der warmen Sonne unsere von zu Hause mitgebrachten Wanderstöcke zu verzieren.
Und weiter geht's! Um zirka ein Uhr kommen wir an eine Berghütte, wo wir sehr günstig und sehr gut tschechisch zu Mittag essen. Wir bekommen jeder einen halben Liter "Dafne® Plus", einer Art Limo, die nur 25 Pfennig kostet und wie purer Farbstoff aussieht. Geschmacklich ist das Zeug aber prima und wirkt sogar hochgradig durstlöschend.
Auf unserem weiteren Weg kommen wir zu einem größeren Weiher bzw. einem kleineren See. Schnell ist der Beschluß gefaßt ein paar Forellen zu angeln, die wir dann am Abend braten.
Der Weiher liegt größtenteils im Wald, so daß wir zuerst einen Weg zwischen den Bäumen durch suchen müssen, um zum Ufer gelangen zu können. An unserem Rastplatz liegt auch teilweise noch Schnee, doch das bedeutet nicht etwa, daß es deswegen kalt wäre. Ganz im Gegenteil: Die Sonne heizt ganz schön!
Nachdem wir den Weiher einmal umrundet haben und dabei auf Tonnen von Froschlaich inklusive der zugehörigen Produzenten gestoßen sind, packt Dome sein Angelzeug aus. Er muß sein Glück mit einer Rosine aus dem Müsli versuchen, weil sonst nichts zum Ködern aufzutreiben war. Was anfangs eigentlich nur als experimentelle Notlösung gedacht war entpuppt sich doch tatsächlich als voller Erfolg: Kaum hat Dome die Leine ausgeworfen zappelt auch schon das erste Fischchen am Haken.
Flugs wird das Tier ausgenommen und auf Eis gelegt. Wenige Minuten später gesellt sich auch schon das zweite Grätentier dazu. Wir packen die beiden zusammen mit Schnee in eine Plastiktüte, schnallen die Rucksäcke auf den Rücken und machen uns auf die Suche nach einem Nachtlager.
Mittwoch, 25. April 2001 - Teil II
Elchtest
Wir haben uns vorgenommen dem "Abfluß" des Weihers zu folgen, da dieser laut Karte ein Stück bergab in einen großen Stausee münden soll.
Unser Weg führt uns durch relativ dichten Wald und kleinere Schneefelder, in denen wir teilweise bis zum Gesäß einsacken.
Keine Ahnung wie es uns passiert ist, jedenfalls stehen wir plötzlich in einer Bachschleife und müssen das Wässerchen auch noch überqueren. Wir stöbern eine Fichte am Ufer auf, die quer über den Bachlauf umgefallen ist.
Schnell hat Dome unser Beil zur Hand, den Rucksack aus und beginnt die vielen kleinen Äste auf dem Baumstamm abzuhacken. Als er wieder zurückgekommen ist, beginnen wir einzeln mit dem Gepäck den etwas glitschigen Stamm balancierend zu überqueren. Bis auf einen nassen Fuß überstehen wir die Aktion ohne Zwischenfälle.
Nach ein paar Minuten lichtet sich der Wald und wir finden eine Platz, an dem wir unser Lager errichten wollen. Jeder baut sich seine Kröte, und anschließend brutzeln wir uns die beiden Fische. Lecker!
Bevor die Sonne untergeht, wollen wir noch einmal schnell schauen, wie weit der große Stausee noch entfernt ist. Auf unserem Weg hören wir ein Rascheln im Gebüsch vor uns und dann einen lauten dumpfen Knall sowie das Stöhnen eines Tiers. Einen Augenblick später sehen wir noch den Rücken eines Elchs im Geäst verschwinden. Wir nehmen die Fährte auf und machen die Stelle, an der es gerummst hat, wenige Momente später aus: Neben einer kleinen Böschung befindet sich ein geschotterter Waldweg, auf dem wir eine Schleifspur und einen großen Haarbüschel finden. Die Schleifspur weist von der Böschung weg und die Fußspuren des Elchs ebenfalls. Scheinbar hat das Tier den Elchtest nicht bestanden, als es die Böschung hinabgestiegen ist und hat sich daher abgebuckelt. Pech für die Kuh...
Einige Zeit später, als es zu dämmern beginnt, stoßen wir auf den Stausee. Das Ding ist wirklich um einiges größer als alle Gewässer, denen wir bisher auf dieser Fahrt begegnet sind. Um noch vor der Dunkelheit wieder bei unseren Zelten zu sein, beeilen wir uns schnell wieder den abgestiegenen Hang hinauf zu kommen.
Wieder "daheim" putzen wir uns die Zähne und legen uns schlafen.
In der Nacht regnet es teilweise recht stark. Das schöne Wetter ist somit für diese Fahrt gelaufen...
Donnerstag, 26. April 2001 - Teil I
Intakte Geisterstadt
Um sieben oder acht Uhr schälen wir uns langsam aus den Schlafsäcken. Zwar hat es zu regnen aufgehört, doch ist der Himmel immer noch grau. Immerhin sind die Kohtenplanen nicht mehr ganz naß.
Wir bauen schnell ab, frühstücken und machen uns auf den Weg nach Liberec, unserem Tagesziel. Von dort aus wollen wir morgen so früh wie möglich mit dem Zug nach Prag fahren, wo wir den Freitag verbringen werden, bevor es am Samstag wieder nach Hause geht.
Weil die Gegend, in der wir sind, mit Wegen recht dünn bestückt ist, beschließen wir wieder nach dem Kompaß zu gehen: Wir suchen uns eine grobe Marschrichtung auf der Karte, übertragen diese per Kompaß in die Landschaft und begeben uns in die Tiefen der Wallachei.
Etwa um elf Uhr treffen wir wieder auf einen Weg. Wenige Minuten später erreicht uns eine Gruppe deutscher Senioren, die uns nach dem Weg zu dem großen Stausee fragen, als sie hören, daß wir von dort kommen. Als wir ihnen dann aber von unserem Weg abraten und sie unsere Klamotten ausgiebig inspiziert haben, beschließt die Gruppe doch lieber den Umweg über die befestigten Wege zu machen, die auf der Karte eingezeichnet sind. Wir hingegen konnten von der Gruppe erfahren, daß die Ortschaft, die wir angepeilt hatten, nur noch wenige Minuten entfernt sei. So erreichen wir dann auch den Ortseingang und wundern uns nach etwa einer Stunde Marsch durch das Touristendorf: Wir sind noch nicht einer einzigen Menschenseele begegnet seit wir aus dem Wald gekommen sind, obwohl wir mitten durch das Kaff laufen. Nur ein oder zwei Autos sind uns "über den Weg gelaufen".
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß wir kein (offenes) Lokal finden, in dem wir etwas essen können. Bei einem Restaurant ist die Tür nur angelehnt, es hängt kein "Zavrêno"-Schild (= Geschlossen) in der Tür, und so treten wir hoffnungsvoll ein. Doch als wir den Flur betreten und lauschen, hören wir keinen Ton. Wir laufen durch den gesamten Flur und finden schließlich die Gaststube; gerade wollen wir eintreten, da begegnen wir dem ersten Menschen, der uns aus einer der tausend Türen zuruft: "Zavrêno". Prima. Schon wieder. Immerhin scheinen wir doch nicht die einzigen zu sein in diesem verfluchten Tal.
Donnerstag, 26. April 2001 - Teil II
Regenzeit
So trotten wir trübselig das Tal hinunter ohne auch nur einem weiteren Menschen zu begegnen. Wir verlassen den Touristenort ohne Leben, und nach einigen Kurven kommen wir in den nächsten. Hier laufen Leute auf der Straße herum!
Wir finden ein Lokal, wo wir wieder einmal recht günstig und lecker essen. Auch die Feldflaschen lassen sich hier mit Wasser füllen, das sogar schmeckt!
Um nach Liberec zu kommen müssen wir jetzt noch eine etwas höhere Bergkette überwinden. Netterweise schickt uns Petrus einen kräftigen Regen, der uns zum ersten Mal zwingt die Ponchos auszupacken. Wer schon mal unter solch einer Plastikplane den Berg hinaufgestapft ist, weiß, wie naß man nachher ist - natürlich nicht vom Regen... wenigstens hat man danach warm... besser als in jeder Sauna... toll.
Als der Regen etwas abflaut, packen wir die Ponchos wieder weg und verlassen uns lieber auf die gute alte Juja.
Nach mehrmaligem auf und ab geht es schließlich nur noch abwärts bis wir den Ortsrand von Liberec erreichen. Es ist jetzt etwa 18 Uhr. Wir setzen uns in eine Bushaltestelle und beratschlagen, wie wir weiter vorgehen. Während unserer kleinen Pause beginnt es wieder wie aus Kübeln zu gießen und das ganze wird dann auch noch mit einem Schuß Donnergrollen angereichert.
Was sollen wir tun? In der Bushaltestelle pennen und am frühen Morgen mit dem Bus zum Bahnhof karren? Immerhin ist Liberec eine Stadt vom Schlage eines Saarbrücken - wenn nicht sogar noch größer (man denke an München, Köln etc.). Als wir uns den Busfahrplan anschauen lassen wir diese Idee aber rasch wieder fallen. Einen Fünfer für denjenigen, der mir so einen Plan interpretieren kann...
Gegen sieben Uhr hört der Regen auf und wir beschließen ein Stück weiter Richtung City zu laufen; vielleicht fällt uns auf dem Weg dorthin ja was ein.
Einige Kilometer weiter machen wir an einer Bushaltestelle wieder Rast und köcheln uns auf dem Trangia etwas Warmes. Währenddessen macht sich Tarzan über die Gegend schlau in der Hoffnung, ein nettes Örtchen für die Nacht zu finden. Als er zurückkommt, berichtet er von einem Waldstück, das auf einem Hügel liegen soll. Wir schieben uns die Mahlzeit zwischen die Kauleisten und wandern anschließend dorthin.
In der Dämmerung errichten wir eine Lok, spielen noch einige Runden Skat ehe wir uns Schlafen legen. Morgen wollen wir früh aufstehen, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein und damit noch viel von Prag sehen zu können.
Freitag, 27. April 2001 - Teil I
100 Jahre für 1 DM
Gegen halb sieben rappelt der Wecker. Schnell ist alles abgebaut, und schon sind wir wieder auf dem Weg. Es geht in die Innenstadt von Liberec.
Und unsere Vermutungen von gestern bestätigen sich: Das Kaff ist ziemlich groß; wir benötigen gut zwei Stunden, um in die City bzw. zum Bahnhof vorzudringen. Dort erfahren wir, daß erst um kurz nach zwölf der nächste Zug nach Prag fahren soll. Schön, daß man sich auf die Fahrplanauskunft der tschechischen Bahn im Internet verlassen kann - danach sollte jede Stunde einer fahren...
Aber das ist weiter nicht schlimm, denn auch Liberec bietet viel zu Sehen. Irgendwann versacken wir in einer Buchhandlung, die einen riesigen Raum voll deutschsprachiger (gebrauchter) Bücher aus der Zeit um die Jahrhundertwende zum Stückpreis von einer Mark vorzuweisen hat. Schon genial, was man hier alles findet!
Um kurz nach zwölf sitzen wir aber endlich im Zug nach Prag, wo wir schließlich um kurz nach drei Uhr am Bahnhof einlaufen.
Freitag, 27. April 2001 - Teil II
1 = 5 !?
Erst einmal müssen wir uns orientieren, was auf diesem riesigen Bahnhof gar nicht so leicht ist! Wir packen unsere Sachen in Schließfächer und machen uns auf die Suche nach einer Fahrplanauskunft. Nachdem wir an die zehn Mal von Schalter zu Schalter geschickt worden sind und sich keiner für Fahrpläne nach Dresden zuständig gefühlt hat, gelingt es uns doch einem Bahnbediensteten das Geheimnis zu entlocken. Wir lassen uns noch den Preis für ein Ticket aufschreiben (170 Kč = ca. 10 DM) und machen uns dann per U-Bahn auf in Richtung Innenstadt.
Hier gibt es allerhand zu sehen; dies alles zu beschreiben würde allerdings den Rahmen dieses Berichts sprengen. Es bleibt nur noch zu sagen, daß wir versuchen unsere restlichen Kronen auszugeben außer den paar Mark, die wir noch für die Fahrscheine brauchen - welch fataler Fehler...
Um zwanzig nach sieben soll unser EuroCity nach Dresden abfahren. Wir schauen also, daß wir etwa eine Stunde früher am Bahnhof sind, um uns die Fahrscheine zu kaufen (nachmittags wollte man sie uns übrigens noch nicht geben). Nach kurzem Anstehen dann der Schock: Die Teile sollen 570 Kronen kosten! Der Haken, den wir als Eins interpretiert hatten, ist eine fünf! Nervosität macht sich breit. Wir laufen zu einer Wechselstube - doch hier ist niemand! Verzweifeltes Beratschlagen. Glücklicherweise kommt in dem Moment die Frau der Wechselstube, und wir opfern unsere letzten Bargeldreserven, um die nötigen restlichen 400 Kronen pro Person zu erhalten. Super. Bis nach Dresden kommen wir jetzt; für ein 40 DM-Ticket reicht das Geld aber nicht mehr...
Schnell geht’s zurück zum Fahrkartenschalter. Als das erledigt ist hechten wir zu den Schließfächern und von dort zum Bahnsteig. Puh, geschafft!
Samstag, 28. April 2001 - Teil I
Unser Stamm in Dresden!?
Wenigstens haben wir in dem EuroCity sehr gute Sitzplätze. Als wir mit 45 Minuten Verspätung in Dresden ankommen, ist es etwa halb zwölf in der Nacht.
Zum Glück finden wir rasch einen Geldautomaten, der uns Bares für die Wochenendtickets liefert. Wir gehen etwas essen und nehmen uns vor, die Semperoper aufzustöbern. Zunächst finden wir alles andere, wie den Ratskeller, die Frauenkirche oder ein Schloß.
In einer Straße entdecken wir ein riesiges Wandgemälde von zirka 120 Metern Länge. Und mitten in diesem Gemälde finden wir unser Stammeswappen! Die rote Heckenrose auf gelbem Grund. Einziger Unterschied: Während bei unserer Rose das fünfte Blatt nach unten zeigt, weist es auf dieser Wandmalerei nach oben.
Später finden wir dann auch die Semperoper. Auf dem riesigen Vorplatz ist außer uns dreien niemand. Wir fragen uns, was hier wohl tagsüber läuft? Um kurz nach drei Uhr machen wir uns auf den Weg zurück zum Bahnhof, von wo aus um zwanzig nach vier unser Zug in Richtung Saarland fahren soll.
Zwölf Stunden später sind wir wieder in Völklingen. Die Fahrt ist vorbei.
Die Rückfahrt haben wir viel geschlafen, so daß die Blumentöpfe nicht ganz so viel erzählen konnten.
Samstag, 28. April 2001 - Teil II
Was bleibt
Wenn wir die Fahrt aus der jetzigen Lage betrachten, war sie doch wieder schön. Obwohl wir zwischendrin öfters mal keine Lust mehr hatten, weil es einfach zu kalt oder zu naß war. Auch diverse Erkrankungen von der harmlosen Erkältung über Halsschmerzen bis hin zu chronischen Fußleiden haben uns die Zeit nicht einfach gemacht.
Was bleibt sind dennoch wieder ein Haufen schöner Erinnerungen. Wir kommen wieder, Tschechei. Darauf kannst du dich verlassen!
Das Orion-Phänomen
Ääh, noch eine klitzekleine Frage: Was hat denn jetzt eigentlich die Überschrift mit dem Text zu tun?
Nun, das kann ich dir erklären: Vom ersten Tag an fielen uns in der Tschechei etwa 40 auf 40 Zentimeter große, blaue Sterne auf, die den Schriftzug "Orion" trugen. Diese Sterne waren in fast jedem Haus in mindestens einem Fenster anzutreffen. Wir konnten herausfinden, daß dieser Stern das Logo einer tschechischen Schokoladenmarke ist.
Nur: Warum die Leute sich diese Sterne in die Fenster hängen, konnten wir bis heute nicht in Erfahrung bringen; schließlich kleben wir uns ja auch keine Milka-Kühe an die Scheibe, oder?
Für sachdienliche Hinweise, die zur Aufklärung dieses Phänomens dienen, wird eine Belohnung von 2000 Hellern ausgesetzt!
aus "Rundschlag" Nr. 30, Mai 2001 - Artikel ist ungekürzt; nur Layout und Bebilderung sind geändert worden.