Ruine
Petit Chateau du Meisenberg. Irgendwo in den Vogesen. Kein fahrbarer Weg führt hierher. Umgefallene Bäume versperren den Pfad. Drei Meter Fundamentsockel. Einige umherliegende, behauene Steine. Ein Eintrag auf der Karte. Mehr nicht. Kaum ein Wanderer verirrt sich hierher. Im Geäst ruft ein Greif: "Kiääh!". Wir stören die Ruhe des verwunschenen Platzes...
Und doch stand hier ein festes Haus! Vor 800 oder 1000 Jahren. Hier lebte ein Kleinadliger, eine Familie. Knechte und Mägde...
Vorbei.
Niemand weiß mehr ihre Namen.
Nur ein paar Steine....Was bleibt von uns übrig?
Eisenbahn
Den Bündischen verbindet mit der Bahn eine Haßliebe. Beide können sich nicht leiden und brauchen einander doch. Seit den Urwandervögeln bringt sie uns in die Ferne und wieder nach Haus, ist meist die einzig praktikable und halbwegs angemessene Art ins Fahrtengebiet zu gelangen. Wieviele herrliche Fahrtenerlebnisse begannen und endeten auf einem versifften Bahnhof...
Und doch gehören wir nie richtig hierher.
In Wingen-sur-Moder springen wir in den Wagon. Der Regen tropft uns aus allen Falten von Jujas und Ponchos. Auf dem Boden bilden sich Pfützen. Sperrige Affen und Ruxe verbarrikadieren das Durchkommen. An den Wanderstiefeln haftet der Staub der Landstraße, von den Klamotten gar nicht erst zu reden...
Wir sind Waldmenschen; keine willkommenen Fahrgäste. Wir fahren billigste Klasse, und das ist pro Nase immer noch mehr, als wir zusammen die letzten drei Tage ausgegeben haben.
Die Bahn wehrt sich mit undurchschaubaren Plänen und Tarifen...
Sinne
Zurück aus den Wäldern verändert sich die Wahrnehmung! Drei Tage haben wir geklotzt. Haben am Feuer gesessen. Sind über Bäume und Felsen gestiegen. Jetzt haben wir den Rauch in den Kleidern und das Rauschen der Wälder im Ohr.
Nun, in der Stadt geht mir das Gewimmel auf den Keks. Die Nase sehnt sich zurück nach dem reinen. würzigen Hauch der Wälder. Und manches aufdringliche Parfüm der Stadttussis riecht weitaus widerlicher als unsere Klamotten...!
Dorfjugend
Wir kommen von jenseits der Grenze. Wald und Regen waren stärker als wir. Aber verschenkt haben wir nichts! Die fahrt hat uns gefordert und wir haben ihr getrotzt. Wir sind immer noch zusammen unterwegs! Weder Blasen, Krankheit noch Nässe hat unseren Haufen zersprengt.
Jetzt springen wir in einem Kaff namens Wadern aus dem Linienbus. Gammlige Jugendliche mit zerfledderten Hosen "hängen hier ab". Eigene Musik haben sie nicht: Ein eingefrorener Fremder aus einer anderen Kultur, als ihrer eigenen, schreit ihnen über Kopfhörer direkt ins Ohr.
Anzügliches Getuschel hinter vorgehaltener Hand... "Starke Truppe" ... "HJ".... höhnisches Grinsen und freche Gesten.
Ich gehe mit festem Schritt direkt auf ihren Häuptling zu. Frage nach dem nächsten Bus. Sofort erhalten wir in normalem Ton die Antwort. Die dicken Backen sind weg! Gehend denke ich: Langweilt euch doch weiter, ihr Memmen...
Kleinigkeiten
Die Fahrt macht wesentlich. Und das Wesentliche ist meist einfach. Kleinigkeiten werden wichtig: Ein Becher heißer Tee. Ein trockener Schlafplatz. Das Blasenpflaster, das man dabei hat. Ein Beilstiel bedeutet trockenes Quartier Ein kaputter Beilstiel wird zur Herausforderung...!
Unsere Lieder
Bei strömenden Regen in der Feuerkohte zu sitzen und - zu singen! Die Sippe stimmt "Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren müssen Männer mit Bärten sein..." an. Auf einmal hat Pascal, der Jüngste, noch eine eigene Strophe: "Alle die rote Barette tragen...." und alle fallen lachend und grölend ein. Das ist es! Genau in diesem einen Augenblick verschmelzen Anstrengungen, Gefahren, Freude und gemeinsam Erlebtes zu diesem einen großen Gefühl einer bündischen Gemeinschaft. anzugehören.
Freunde
Wir haben Distanzen überwunden. Nun sind wir in Noswendel. Singend rauschen wir im Lagergrund der Luttiner auf. Erkennen. Wiedersehen. Und: Erzählen... Zwei Klampfen, drei Kerzen und der Bundesring machen aus dem nüchternen Schuppen ein Heim. Harte Nacht auf gepflastertem Boden. Allgemeines Aufwachen. Ich staune: Meine Sipplinge stemmen sich unaufgefordert in die Seile des Karrens, der eigentlich gar nicht der ihrige ist...
Gemeinsam singen die zwei Sippen gegen den Regen an.
Das Ziel jeder Fahrt heißt "Zuhause ankommen"
aus "Rundschlag" Nr. 28, August 2000 - Artikel ist ungekürzt; nur das Layout ist geändert worden.