Wie alles begann...
23.09.35 Uhr. Wir stehen am Hbf in der Großmetropole Dillingen/Saar. Eine leichte, warme Brise umweht unsere Nasen. Die meisten von uns stehen starr bei dem Gedanken, was in den nächsten Tagen auf uns zukommen wird. Auch einige von unseren Sponsoren befinden sich unter uns. Bei einigen kann man leicht belustigte Gesichtszüge bezüglich des bevorstehenden Trips ausmachen. Geredet wird nur wenig. Auf diesen Augenblick hatten wir uns schon Tage zuvor vorbereitet.
00.02.46 Uhr. Der Zug rollt mit l Minute und 46 Sekunden Verspätung in den Bahnhof ein. Ein letztes Mal werden Informationen bzgl. der nächsten Tage ausgetauscht. Mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen schauen uns die Sponsoren hinterher.
00 15.56 Uhr. Während der Fahrt werden wir von einigen Mitfahrern angepöbelt. Ein Schaffner verhilft uns aus unserer brikären Situation, indem er sie aus unseren Abteils verbannt.
00.26.32 Uhr. Wir erreichen den Hauptbahnhof der Landesmetropole und Hauptstadt Saarbrücken. Hier vertreibt sich jeder anderweitig die Zeit, um mit seiner neuen Situation fertig zu werden.
01.32.57 Uhr. Wir treffen einige Verbündete von uns. Nachdem wir unseren Sonderzug nach unserem Ziel Cottbus im fernen Osten bestiegen haben, werden die Türen geschlossen und wir rollen aus dem Bahnhof aus. Ein Zurück ist jetzt nicht mehr möglich. Die kommende Nacht, sowie der folgende Morgen sollen nicht werden, wie sie werden.
Techno-Zugfahrt
Samstag, der 26.07.1997
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| Der Lagergrund aus der Vogelperspektive gesehen |
Wir befanden uns immer noch im Zug. Jedes Abteil bestand aus 6 aufklappbaren Betten. Man konnte sich zwar drauflegen, jedoch schlafen konnte man nicht. Warum nicht? Tja, ganz einfach, weil aus den Lautsprechern des Zuges ohrenbetäubende Techno-Musik schallerte. Nachdem mehrere Versuche die Lautsprecher abzuschalten oder einen Verantwortlichen zu finden, der sie abstellen könnte, gescheitert waren, wurden vielfach die Abdeckungen abgeschraubt und die Kabel durchtrennt. [Sorry DB!] Obwohl es jetzt draußen schon wieder hell war, konnten wir jetzt noch einige Minuten schlafen. Unsere Zugfahrt dauerte ca. 14 Stunden, weil wir bekanntlicherweise in einem Sonderzug saßen/lagen/standen, der fast bis zur Nordsee fuhr, um dort andere Pfadfinder abzuholen. Als wir mittags irgendwann in Cottbus ankamen, wurden wir mit Bussen ein Stück gefahren und mußten dann noch ca. 3 km laufen, bis wir den Lagerplatz erreichten. Dort angekommen checkten wir ein und begannen unsere Zelte aufzuschlagen. Anfangs fiel uns die Orientierung auf dem riesigen Lagerplatz noch schwer, das sollte sich aber in den folgenden Tagen noch ändern. Als wir schließlich gespeist hatten, verbrachten wir unseren Abend in der Jurte und gingen dann auch irgendwann mal in die Kojen.
Sonntag, 27. Juli 1997
Lagereröffnung: Nach der langen Zugfahrt und dem Aufbau der Zelte konnte heute das Bundeslager '97 "Wegzeichen" eröffnet werden. Wir trafen uns um 15 00 Uhr vor dem Hard Frog Café zur Eröffnung unseres Unterlagers "Fonalisa" (Finger, Ohren, Nase, Augen, Lippen im Sinne aller) Diese dauerte ca. 2 Stunden, so daß wir um 17.00 Uhr zur großen Lagereröffnung auf den Marktplatz gehen konnten. Zuerst spielten wir ein Spiel mit vielen Farben und Geräuschen. Dann wurden die Bulateilnehmer aus aller Herren Länder begrüßt. Unsere Bundesvorsitzende Ika hielt eine Rede, ebenso einige Politiker wie z.B. Manfred Stolpe. Danach wurde das Bulalied gesungen und das Bula '97 war nun offiziell eröffnet.
Eine Bootsfahrt, die ist lustig, ...
Montag, der 28.07.1997
Am heutigen Montag stand eine Kanufahrt auf dem Programm. Zu Beginn sah es so aus, als ob wir den Bus verpassen würden, weil die Hobbits es nicht fertiggebracht hatten Proviant aus dem Lagerladen zu besorgen. Nach einem "kleinen" 3 km langen Sprint erreichten wir schließlich gänzlich außer Atem den Bus, der uns in den Spreewald karrte. Hier wurden uns Kanus zugeteilt und wir konnten unsere Fahrkünste auf den vielen Wasserstraßen des Spreewaldes beweisen. Anfangs lief es bei den meisten nicht so recht, aber nach einiger zeit klappte es fast überall einigermaßen. Irgendwann um die Mittagszeit erreichten wir ein Lokal, in dem sich einige von uns etwas zu Essen zukommen ließen. Wenig später ging es auch schon wieder weiter. Gegen Ende der Fahrt machten wir wieder eine kleine Rast, um auf einige Nachzügler zu warten. Schließlich fuhren wir dann geschlossen die Kanugaragen an und warteten auf den Bus, der uns um 17 Uhr zum Lagerplatz zurückfuhr. Wasserleichen gab es keine (in unseren Reihen!). Wieder auf dem Lagerplatz wurde gegessen und der Abend auf die verschiedensten Arten und Weisen verbracht.
"Waschtag"
Dienstag, der 29.07.1997
Nach dem Frühstück beschlossen einige von uns, das Cottbusser Schwimmbad zu besuchen. Wie schon am Vortag mußten wir einen Sprint zum Bus hinlegen, um ihn nicht zu verpassen. Nach der ca. 20minütigen Fahrt erreichten wir schließlich unser Ziel. Wir zogen uns um und gingen in das eiskalte Wasser, in dem wir nicht sehr lange blieben, um anschließend unter die warmen Duschen zu gehen. Hier wuschen wir uns ausgiebig. Anschließend warteten wir wieder auf den Bus während sich einige von uns mit Fast-Food vollstopften. Schließlich ging es wieder heimwärts zum Lagergrund. Dort angekommen wurde der Nachmittag wieder auf die verschiedensten Weisen verbracht. An diesem Abend besuchten einige auch wieder das Hard-Frog-Café unseres Unterlagers (was die meisten fast jeden Abend taten). Nach dem einige Maße (bayr.: Maß = l Liter-Glas-Bier) gestürzt waren war wie immer um 00.00 Uhr "Last Order". Irgendwann ging dann auch das letzte Licht auf dem riesigen Lagerplatz aus und die Pfadis lagen in ihren Penntüten, um sich auf den folgenden Tag vorzubereiten...
Ein typischer Lagertag
Mittwoch, der 30.07.1997
Vom heutigen Tag gibt es nicht viel zu schreiben, weil sich fast jeder anders beschäftigte. Einige fuhren nach Cottbus Kebap essen, durch die Stadt bummeln und einkaufen, andere blieben im Lager und gingen in den Lagersee baden, wieder andere wuschen ihre Kleider. Der Abend wurde - wie fast immer - von fast jedem anders gestaltet Man versuchte jeden Abend ein anderes Café oder Unterlager zu besuchen, um alles einmal kennenzulernen. Erst am nächsten Tag stand wieder ein festes Programm - vor allem für die Pfadfinderstufe - an.
Donnerstag, der 31.07.1997
Der heutige Tag läßt sich in zwei größere Gruppen aufteilen: die R/R, die im Lager blieben sowie die Hobbits, die ein zweitägiges Workcamp besuchten. Deshalb hier auch zwei Berichte:
Ein Besuch bei der Laubag
Donnerstag, 31. Juli 1997
Während die Hobbits ihre Raustage bei einem Workcamp in Cottbus genossen, besuchten einige der im Lager gebliebenen die LAUBAG, d.h. Lausitzer Braunkohle AG. Mit extrem bequemen Bussen wurden wir durch eine künstlich geschaffene, hügelige Landschaft gekarrt, die von der Laubag nach dem Braunkohleabbau aufgeschüttet und anschließend wieder bepflanzt worden war, Eine altersmäßig schlecht zu schätzende Frau erzählte uns etwas über den Energieträger Braunkohle, das Braunkohlekraftwerk, die Abbaugebiete Jänschwalde und Cottbus/Nord und über alternative Energien. Wir erfuhren auch, daß innerhalb der nächsten 20 Jahre unser schöner Lagerplatz und die beiden sorbischen Dörfer Lakoma und Homo dem Tagebau zum Opfer fallen sollen. Eine geballte Ladung weiterer Informationen schwappte unaufhaltsam über uns. Später fuhren wir direkt in ein Abbaugebiet und konnten dort die riesigen Braunkohle-Schaufelradbagger bewundern. Welch faszinierender Anblick! Jetzt war unser Ausflug auch schon vorbei und wir fuhren zurück ins Lager.
Work Camp der Hobbits im Flugzeugmuseum Cottbus
Donnerstag, 31 Juli '97 - Freitag, l. August '97
Nach dem Frühstück marschierten wir los in Richtung Bushaltestelle. Von hier aus fuhren wir mit einem völlig überfüllten Bus nach Cottbus. Hier angekommen mußten wir noch einige Kilometer durch die Stadt wandern. Als wir das Museum endlich erreichten, wurde uns unser Schlafraum (2m x 4m) zugewiesen. Danach mußten wir Rasen mähen, einen Betonpfeiler ausbuddeln und Unkraut jäten. Nachdem das alles erledigt war, gingen wir in unseren Raum. Hier aßen wir und nach einigen Diskussionsrunden legten wir uns schlafen.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zum Schwimmbad. Als (fast) alle im Wasser waren, fing es kurz an zu regnen. Also beschlossen wir in Cottbus noch zu dem großen Einkaufscenter zu gehen. Anschließend fuhren wir zurück ins Lager.
Der Kleinkunstpreis
Am Abend des l. Augusts wurde der Kleinkunstpreis des BdP im allseits bekannten Hard Frog Café verliehen. Auch ein Kämpfer aus unseren Reihen nahm daran teil: Der große Magier TARZAN. Er verblüffte mit seinen Tricks die Gäste wie auch die Jury.
Weitere Künstler:
- Das Duo Hackfleisch mit der Einradnummer
- Einer, der Gedichte vortrug,
- Ein weiterer Zauberer,
- Und das Multitalent Zappel. Dieser jonglierte mit Äpfeln, die er dabei gleich aufaß, steckte sich einen Luftballon in die Nase und zog ihn durch den Mund wieder raus, und warf ganz spontan ein rohes Ei auf die Jury.
Trotz dieser Aktion ging er am Schluß des Wettbewerbs als Sieger hervor und erhielt einen Plüschraben als Preis. Die restlichen Teilnehmer erhielten jeweils ein Glas original Spreewälder Gurken.
Sandsackschipping
Samstag, 9. Tag Sandsackschippen
Dieser Samstag begann etwas früher als einige andere Samstage. Es war etwa 5.30 Uhr als wir uns aus den Schlafsäcken pellten. Wir sollten später noch feststellen, daß dies nur der Anfang eines ziemlich langen Tages sein sollte. Gegen 7.00 Uhr (1,5 Stunden später) kamen wir am Bus an, der uns nach Eisenhüttenstadt bringen sollte. Uns, das waren: Daniel, Niki, Dominik, Nico, Tarzan, Limmnatt, Caro und ich (Knopp). Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, daß zwei Personen in den anderen Bus umsteigen sollten. Mit insgesamt ca. 80 Pfadfindern waren die Plätze in den Bussen voll ausgereizt. Mit einer nicht allzu schlafreichen Nacht machten wir uns nun nach weiteren 1,5 Stunden Fahrt mit dem Bus kamen wir an den Ort des Geschehens - den Sandsackum-schlagplatz - die Erfüllung aller Motivationträume im Bula '97.
Der Nachfrage nach ein paar Schippen erwiderten die Bundis nur mit einer sagenhaften Gelassenheit. Bei der Einweisung wurde uns klargemacht, es könne gefährlich sein, wenn man nicht all sein Hab und Gut, welches allzu flugfähig sein könnte, am Leib halten würde Es würde ein zweites Rammstein geben, wenn solch ein Gegenstand in die Rotorblätter der herum fliegenden Helikopter gelangen würde.
Der Aufenthalt auf dem Umschlagplatz sollte sich sehr interessant gestalten. Wir lernten viel über weiße Sandsäcke, braune Sandsäcke und ihre Anwendungsgebiete im Katastrophengebiet. Sehr aufregend sollte auch die im späteren Verlauf des Tages abzeichnende Flugschau werden. Die Flugkörper kamen, sahen die Sandsäcke und ließen sie sich anhaken. Die Bilanz des Tages war erstaunlich:
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Schon vorh P |
Neue Paletten |
| Jutesäcke |
850 Stück |
Ca. 450 St. |
| Plastiksäcke |
130 Stück |
Ca. 120 St. |
Die Bundis waren ziemlich erstaunt über unser Schaffen. Am späteren Tag sollte noch ein Konvoi Lkws mit mehreren Paletten zum Oderbruch gelangen, da es nach Angaben der Bundis nun mehr als genug Sandsäcke in dieser Region seien.
"Von einer satten Bräune und einem schönen Muskelkater abgesehen konnte man schon sagen 12 Stunden Schippen für einen guten Zweck ist allemal ein Ereignis, von dem man sicherlich auch noch seinen Enkeln berichten kann." Frei nach Daniel A. R.
Der Bundestag
Sonntag, der 03.08.1997
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| Das Gruppenfoto der Bundeslagerteilnehmer unseres Stammes, das der herbeorderte Fotograf von uns geschossen hat |
Am heutigen Sonntag waren die meisten von uns sehr müde, weil sie am Vortag bei der Sandsackaktion geholfen hatten. Deshalb ließen wir den Tag langsam angehen und faulenzten den ganzen Morgen. Um 13.00 Uhr kam ein von uns beorderter Fotograf, um ein Gruppenbild von uns zu schießen. Nach dieser schweißtreibenden Aktion gingen viele von uns in den Lagersee baden. Nachdem jeder mindestens einmal von irgendeinem getunkt worden war, kam irgendjemand auf die glorreiche Idee unseren Heinz (T.B.) einzugraben. Diese wurde auch prompt in die Tat umgesetzt und jeder begann kiloweise Sand auf unser Opfer zu schaufeln. Ein plötzlicher Aufschrei von unserem Gnom ließ uns alle jäh erstarren: "Mich hat eine Schlange gebissen!" Jeder warf einen beängstigten Blick auf Gnoms blutende Hand und in das Loch, aus dem er diese soeben gezogen hatte: Glasscherben! Der jammernde Mitpfadfinder wurde schnurstracks in das Lagerhospital gebracht und dort verarztet.
Der heutige Sonntag war auch gleichzeitig "Bundestag". Was an diesem Bundestag genau abging kann man schlecht beschreiben. Z.B. konnten heute offiziell Besucher kommen, die Unterlager zeigten, was sie in der vergangenen Woche vollbracht hatten und man konnte sich mit den verschiedensten Speisen beköstigen lassen. Am Abend zog eine riesige Menschenschlange durch den Lagergrund und jeder schloß sich ihr an, um zum Abschlußabend zu gelangen. Hier wurde unter anderem eine Multimediadiashow auf riesigen Leinwänden gezeigt und einige Schlußworte gesprochen. Nach etwa 2 Stunden war das "BULA '97 Wegzeichen" offiziell beendet und jeder ging zurück zu seinem Lagergrund. Von einem großen Bundesfeuer konnte sich jeder Stamm ein Stück Holz mitnehmen, um damit symbolisch sein eigenes Feuer anzuzünden.
Abbau
Montag, der 04.08.1997
Heute wurden die großen Lagerbauten, wie z.B. Lagertore, Feuertische usw. abgeschlagen. Einige von uns fuhren auch wieder nach Cottbus, um dort Proviant für die bevorstehende Heimfahrt zu kaufen. Der restliche Tag wurde von jedem individuell gestaltet.
Der Countdown...
Dienstag, der 5. August 1997
Dies war leider schon der letzte Tag des Bula 97.
Heute bauten wir die Kothen und die Jurte ab und saßen den ganzen Tag rum, nachdem wir die Kisten und Rucksäcke zur Abhohlstelle gebracht hatten. Gegen Mittag bestellten wir uns Pizza, die der Stamm bezahlte.
Abends fuhren wir dann zum Cottbusser Bahnhof wo wir noch ein wenig Aufenthalt hatten.
Gegen 0.00 Uhr waren wir wieder im Zug in Richtung Saarbrücken. In diesem Zug herrschte sogar Ruhe und man konnte schlafen.
Mittwoch, der 6. August 1997
Nach einer langen Fahrt wachten wir auf und waren schon "fast" zu Hause. Wir vertrieben uns die Zeit mit einem dummen Gespräch und am Nachmittag kamen wir am Dillinger Bahnhof an, wo uns die Eltern mit einem Tränchen im Auge empfingen.
aus "Rundschlag" Nr. 20, Herbst 1997 - Artikel ist ungekürzt; nur Layout und Bebilderung sind geändert worden; Unterüberschrift hinzugefügt.